SONIC 2008

„Offen für Entwicklungen“ Das Quadriga Fagottensemble

 


Während der Schulzeit auf dem Musikgymnasium in Berlin haben sie sich kennen gelernt. Zum lockeren Abschluss von Klassenabenden traten die jungen Fagottisten als Duo, Trio oder Quartett auf. Seit 1998 musizieren sie als Quadriga Ensemble, im Mai 2007 stellten sie ihre erste gemeinsame CD in Leipzig vor.
(von Juliane Bally)

Der Auslöser
lm Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Gymnasium in Berlin hatten sie Unterricht bei Professor Fritz Finsch, der auch an der Hochschule für Musik Hanns Eisler lehrte. Elisabeth Göring: ,,Wir waren alle Schüler bei Fritz Finsch. Auf seine Initiative haben wir uns zusammen gefunden. Finsch hat schon immer Fagottensembles zusammengestellt und wir waren alle in einem Alter. Wir hatten regelmäßig Klassenabende und zum Abschluss gab es immer ein Trio, Quartett oder Quintett - wie es gerade gepasst hat." 1999 stellten sich die jungen Musiker das erste Mai ais Quartett der Öffentlichkeit vor. Beim Wettbewerb ,,-lugend musiziert" erspielten sie den Sonderpreis in der Kategorie Fagottquartett. Zuvor hatten sie alle schon als Solisten am Wettbewerb teilgenommen, 1999 bereiteten sie dann das Repertoire zusammen vor. Michael von Schönermark: ,,Mit dem Stück ,,Fagott-Quadrat" von Georg Katzer haben wir richtig abgeräumt. Es war ein Riesenerfolg! Nach dem Bundeswettbewerb war klar, dass wir weiter machen." Georg Katzer hatte das Stück speziell für die jungen Musiker komponiert. Im Anschluss folgte die erste Konzerttournee, in Griechenland traten sie in deutschen Schulen und Goethe-lnstituten auf. Mittlerweile spielen die Ensemblemitglieder in unterschiedlichen, renommierten Orchestern und kommen immer wieder zu viert als Einheit zusammen, das ist ihnen wichtig. Matthias Racz: ,,Wir sind alle ziemlich früh in Orchester gegangen und waren viel mit Wettbewerben, Jugendorchestern und allem Möglichen beschäftigt. Wir treffen uns und spielen einfach gern zusammen." Innerhalb des Ensembles wechseln sie die Stimmen, jeder spielt mal erstes und zweites Fagott, es gibt keine festgelegte Hierarchie. Douglas Bull: ,,Dass wir uns gut und lange kennen, ist ein echter Vorteil. Gut miteinander klar zu kommen, spielt eine große Rolle. Musik ist sehr subjektiv, emotional, man ist nicht immer einer Meinung und manchmal ist der Wechsel zwischen profimäßig sein und befreundet sein gar nicht so leicht." . Ganz am Anfang haben sie als Quartett ihrem Lehrer Fritz Finsch regelmäßig vorgespielt und sich künstlerisch ausgetauscht. Er hat sie immer wieder ermutigt und motiviert. Der Kontakt ist immer noch da, heute aber eher persönlicher Natur. Es gab keinen Coach oder eine Art Mentor, der immer da war. Michael von Schönermark: ,,Wir haben alle bei verschiedenen Lehrern studiert, haben viele Ideen und dementsprechend wilde Diskussionen, was und wie wir musizieren wollen." Über Jahre haben sie einen passenden Ensemble-Namen gesucht. Elisabeth Göring: ,,Wir haben lange keinen passenden Namen gefunden und haben dann die verrücktesten Namen durchprobiert, aber wir waren nie so richtig zufrieden. Mein Großvater war dann der Initiator bei der Namensgebung, er meinte, es gibt zwar einen Wagen, aber da steht keiner drin, es gibt nur vier Pferde - also Quadriga, die Musik ist quasi der Wagenlenker."

Biographisches
Elisabeth Göring erhielt den ersten Fagottunterricht von ihrem Großvater Dieter Hähnchen, der Mitglied im Orchester der Staatsoper Berlin war. Mit siebzehn Jahren gab sie ihr Debüt als Solistin mit dem World-Youth-Symphonie-Orchestra in den USA. Sie studiert bei Professor Dag Jensen an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Seit 2007 ist sie Fagottistin des Orchesters im Opernhaus Zürich.
Michael von Schönermark war zunächst Schüler von Fritz Finsch, später studierte er bei Klaus Thunemann. Er ist Solo-Fagottist des Konzerthausorchesters Berlin und ist als Solist sowie Kammermusiker im In- und Ausland aktiv.
Douglas Bull wurde in Witbank, Südafrika geboren und begann mit zehn Jahren Fagott zu spielen. Er trat als Solist mit dem Natal Philharmonic Orchestra, dem Johannesburg Symphony Orchestra und dem National Chamber Orchestra in Südafrika auf. Er studierte von 2000 bis 2004 bei Klaus Thunemann. Seit März 2004 ist er stellvertretender Solofagottist des Deutschen Sinfonie Orchesters Berlin.
Matthias Racz erhielt Unterricht bei Fritz Finsch und studierte bei Professor Dag Jensen. 2002 errang er den 1. Preis beim Internationalen Musikwettbewerb Prager Frühling und wurde im selben Jahr Gewinner des Internationalen Musikwettbewerbes der ARD in München. 2004 gab er seinen ersten Meisterkurs. Mit einundzwanzig Jahren wurde er Solofagottist im Gürzenich- Orchester und spielt seit 2003 als Solofagottist im Tonhalle- Orchester Zürich.

Repertoire mit Abwechslung
Das Repertoire des Ensembles ist facettenreich, in verschiedenen Besetzungen schlagen die jungen Musiker Brücken zwischen vergangenen Epochen und der Gegenwart und zwischen diversen musikalischen Stilen. Jeder trifft in seinem Orchester andere Musiker und bringt wieder neue Erfahrungen ein. Die Auswahl der Stücke treffen sie selbst und wollen weg von alten Schablonen. Wichtig ist ihnen die Freude beim Musizieren und die Verbindung zum Publikum. Elisabeth Göring meint: ,,Wir haben keine Vorbilder. Wir probieren aus, was wir alles machen können und sind vielseitig interessiert. Wir wollen offen sein für Entwicklungen." Matthias Racz: ,,Es ist schade, dass das Fagott - ein so vielseitiges Instrument - so wenig wahrgenommen wird. Wir stehen manchmal vor dem Problem, dass Konzertveranstalter sich unter Musik für Fagott nicht wirklich etwas vorstellen können und bis jetzt gab es nicht ein Konzert, bei dem das Publikum nicht überrascht und restlos begeistert war. Viele können sich gar nicht vorstellen, was mit dem Instrument alles möglich ist." Michael von Schönermark: ,,Es ist wichtig, das es für das Publikum funktioniert, die Musik darf nicht nur kopfgesteuert sein."

Die erste CD
Mit ihrer ersten CD will das Ensemble ganz bewusst nicht nur lustige Musik anbieten und bekam dafür ein begeistertes Feedback aus der ganzen Welt. Matthias Racz: ,,Wir kennen viele Fagott-CDs, mit denen nur der humoristische Charakter bedient wird, immer nur eine Richtung, kleine Stücke, Arrangements, etwa ein bis zwei Minuten lang. Wir wollten Stücke spielen, die Fagottensembles selten spielen." Douglas Bull: ,,Das ist eine Richtung, in die wir gehen wollen, dass man das Repertoire erweitert. Wir wollen den Komponisten begreiflich machen, was das Fagott alles kann. Fast kein Komponist geht wirklich an die Grenzen des Instruments heran. Die humoristische Schiene vom Fagott ist eben nur eine Qualität von vielen." Das Ensemble hat einen hohen künstlerischen Anspruch und versucht etwas Neues zu machen. Auf der CD bietet es ein musikalisches und technisches Niveau an, was es so von einem Fagott- Quartett noch nicht gab. So haben sie beispielsweise als erstes Fagott-Quartett die ,,Tango-Suite" von Piazolla komplett eingespielt. Die zweite CD ist schon in Planung.

Perspektivwechsel
Oft sitzt ein Fagottist zwei Stunden im Orchester und hat dann vier Takte lang ein Solo. Douglas Bull: Im Quartett wird man ganz anders gefordert, hoch laut und lange, nicht nur still und leise in der Tiefe, wie so oft im Orchester. Das ist eine gute Übung. Es ist für mich sehr wichtig, auch auf eine andere Art Fagott zu spielen. Im Orchester spielt man gerade und im Quartett hat man mehr Freiheiten, sich auszudrücken." Elisabeth Göring: ,,Allein die Tatsache, dass man sich ohne Dirigenten mit den Stücken auseinandersetzt, den musikalischen Perspektivwechsel finde ich bereichernd." Michael von Schönermark: ,,Für mich ist einzigartig an uns, dass wir uns gegen- seitig so ein bisschen anstacheln. Der eine kann das gut, bei dem klingt das gut, dann denkt man, Mensch das musst du doch auch können. Das Niveau ist prinzipiell sehr hoch und man versucht sich anzugleichen. Wir sind nicht wirklich Konkurrenten, aber wir feuern uns gegenseitig an, wir befruchten uns gegenseitig, künstlerisch und instrumentaltechnisch."

Neben der Musik
Was musikalisch läuft, läuft auch privat: volle Offenheit und Kreativität. Elisabeth Göring: ,,Wir sammeln viele Ideen, wollen leben und leben lassen. Es gibt ein paar Basissachen, die einfach bei uns stimmen, worüber man sich nicht streiten muss." Um Orchester und die Arbeit fürs Ensemble unter einen Hut zu bringen, pendeln sie zwischen Berlin und Zürich und versuchen alles miteinander zu kombinieren - Proben, Urlaub und gutes Essen. ,,Michael ist als Koch ganz toll, das motiviert uns zusätzlich!"